Kapitel 37:Vorsicht vor WhatsApp!

Die Zeit rannte nur so davon, ich lebte wirklich schon ziemlich lange in diesem Land, in dieser Stadt. Es passierte soviel aber gleichzeitig auch recht wenig: 

Ich war immer noch Student, wenigstens für den richtigen Kurs und Studiengang, lebte immer noch mit Fico bei meiner Schwester und ihren Tieren, es kam noch Chicco hinzu, und ich kämpfte immer noch gegen meine schwarzen Löcher an. 

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Alle sagten mir immer, dass ich doch schon so viel erreicht hätte, aber eigentlich hatte ich nichts. 

Trotzdem gab es nichts zu meckern. Die Uni lief gut! Nach wie vor stressig und unglaublich viel zu lernen, aber ich bekam auch immer mehr Hilfe von anderen Studenten und gehörte mehr oder weniger schon dazu. Ich war selten alleine und fühlte mich wohl. Natürlich gab es immer wieder Überraschungen, sei es das mein Online- Stundenplan sich urplötzlich von alleine änderte und ich mich deshalb für einige Examen nicht anmelden konnte (mal wieder), etliche Veranstaltungen anders liefen als geplant und nicht zu vergessen die Prüfungen selbst: 

falscher Raum, falsche Uhrzeit, Professor zu spät…aber ansonsten ging ich gerne in die Uni. Das Lernen war anstrengend, im Prinzip lernte ich doppelt so viel wie die anderen Studenten, da ja nichts in meiner Sprache war. Es machte aber auch Spaß. Sabrina brauchte ich nicht mehr, da vieles auch auf Englisch war. Aber wir blieben im Kontakt. Falls ich fragen hätte könnte ich jederzeit mich bei ihr melden, oder auch nur mal so auf einen Kaffee. 

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Ich fand außerdem eine sehr gute Freundin in der Universität. Francesca sprach perfekt englisch und half mir sehr beim Lernen. Besonders anfangs, als mein Italienisch doch noch sehr holprig war (nur Fico konnte es verstehen), war es angenehm ab und zu auf Englisch sich zu unterhalten. Auch war es ihr zu verdanken, dass ich in der Uni nie alleine war. Italiener sind doch sehr gruppenorientierte Menschen, wahrscheinlich ist jeder Mensch ein Rudeltier aber manchmal hab ich das Gefühl in Italien ist es nochmal wichtiger, in einer Gruppe zu sein. Und du brauchst halt jemanden der dich in die Gruppe einfügt. Auf jeden Fall half mir Francesca sehr und daher war die Uni zwar anstrengend aber witzig. 

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Doch irgendwann kam natürlich das Thema Zukunft auf. Ein Bereich meines Lebens den ich noch komplett ignorierte. Viele meiner Kommilitonen hatten keine Ahnung und wollten daher noch weiter studieren. Ich hatte keine Kraft mehr dafür, außerdem war da wieder das Thema Geld, welches mich regelrecht verrückt machte. Ich arbeitete ja nicht mehr und konzentrierte mich komplett auf die Uni (einige Saufgelage und Mädchensport ausgenommen, natürlich). Ich erkannte schnell, dass es die richtige Entscheidung war, nicht weiter neben dem Studium zu arbeiten, denn ich spürte sehr deutlich, dass meine Energie stark begrenzt war. 

Anders ausgedrückt: 

Ich war am Arsch! Aber so richtig. 

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Immer öfters, musste ich mich ausruhen. Ich schlief nach dem Mittagessen (“un piccolo pisolino”) und manchmal legte ich mich sogar schon nach dem Frühstuck hin. Ich war müde! Ich hatte natürlich auch eine tolle Zeit mit Noemi und immer öfters erkannte ich wie viele tolle Menschen, allen voran Fico, ich mittlerweile in meinem römischen Leben hatte. Aber ich musste aufpassen. 

Also weiter studieren kam für mich nicht in Frage. Zurück nach Deutschland wollte ich aber auch nicht. Da kam vielleicht wieder der kleine Masochist in mir hervor oder es lag daran, das mir Rom, auf ziemlich durchgeknallte  Art und Weise doch gut tat. Es schien fast immer die Sonne, das Essen ist super und Langeweile gibt es praktische nicht. 

Im Gegenteil: da alles so chaotisch war, gab es so gut wie nie einen ruhigen Tag. Meine Depressionen waren nach wie vor Teil meines Lebens, aber oft war ich zu müde oder hatte einfach keine Zeit traurig zu sein. Aber natürlich waren sie noch da! Doch Rom ist einfach… Rom! 

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Immer wieder denkt man „Boah wie schön!“ oder „ne…wusste ich gar nicht!“. 

Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel gesehen oder erlebt wie in der kurzen Zeit hier. Vielleicht bin ich echt ein kleiner Masochist. Vielleicht aber war es schlichtweg die richtige Entscheidung hier zu leben. Wir werden sehen….

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Auf jedenfalls kam das Thema Zukunft und es machte mir Angst. Noch war etwas Zeit da, ich beendete gerade das zweite von vier Semestern, aber innerhalb der nächsten Monate sollte ich doch wenigstens eine Idee haben. 

Auch das Thema Thesenarbeit stand an. 

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Auch außerhalb der Uni gab es Veränderungen die mein zukünftiges Leben beeinflusste: Michele beschloss nach Australien auszuwandern oder zumindest für eine Weile dort zu bleiben, um zu arbeiten. Er hatte die Schnauze voll von Italien. Er hatte immer wieder Arbeit, aber immer nur befristet. Er war über dreißig und lebte noch bei seiner Mutter und Schwester. Er hatte keine Lust mehr auf den ganzen Scheiß und wollte weg. Ich kannte das und konnte ihn sehr gut verstehen. Ich hätte in Deutschland Arbeit gefunden, ohne Probleme, aber ich musste weg. Bei Michele ist es nochmal etwas anderes, denn seine berufliche Zukunft war mit entscheidend für diesen Entschluss. In Australien hatte er Verwandte und die Möglichkeit im IT- Bereich zu arbeiten und einfach mal richtig Geld zu verdienen. Also warum dann bleiben? Ich war richtig traurig darüber, aber wie gesagt, gleichzeitig konnte ich es auch verstehen. 

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Ein anderer Punkt der mich noch nervöser machte, den ich aber ebenfalls gut verstehen konnte ging um Noemi. Sie wollte für ein Erasmus- Studium nach London, Anfang des nächsten Jahres. Sie wäre dann für knapp sechs Monate in London. Yeaaah, toll…“aber eben auch: „Scheiße!…bitte nicht“. 

Es lief gut bei uns und natürlich unterstützte ich sie in ihren Plänen. Sie hatte diese Entscheidung bereits getroffen, da kannten wir uns noch nicht. Und selbstverständlich war ich auch Stolz auf sie. Sie studierte Sprachen an der Sapienza und ein Auslandsstudium gehörte nun mal dazu. Außerdem, war ich noch nie in London. Es war klar, dass ich mindestens einmal hinfliegen würde und sie wollte mindestens einmal nach Rom kommen. Immerhin… .

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Und was machte ich mit meinem Leben? Keine Ahnung. 

Ja vieles veränderte sich und das in relativ kurzer Zeit. Auch in unserer Gaga- Gang, aber das war ja vorauszusehen. Ehrlich gesagt, hatte ich auch schon ziemlich die Schnauze voll. Das lag vor allem an unserer bekloppten WhatsApp-Gruppe, die einer dieser Experten kreiert hatte. Ich haßte diese scheiß Gruppierungen auf WhatsApp oder Facebook. Wir hatten eine Facebook- Gruppe von Studenten meiner Uni, diese Gruppe mochte ich gerne, denn sie war wirklich hilfreich. Ansonsten waren mir diese Gruppen ein Graus. 

Aus dem einfachen Grund: ich verstand die Hälfte nicht und bei der anderen Hälfte, das betonte auch Fico, ist es ganz gut nichts zu verstehen. Ich verstand also mehr oder weniger gar nichts und oft hatte ich auch einfach ein komisches Gefühl, wenn diese Gaga- Leute irgendwas daher schrieben. Fico schrieb nie etwas in diese Gruppe und das war eine sehr weise Entscheidung. Auch ich blieb relativ ruhig…da ich ja sowieso keine Ahnung hatte, um was es in den merkwürdigen Diskussionen ging. Nur einmal musste ich was sagen und dann verließ ich auch die Gruppe. 

Ich habe keine Ahnung warum, aber irgendeiner fing an doofe kleine Videos in die Gruppe zu senden. Dämliche nichts-sagende Videos, meist mit leichtbekleideten ebenfalls nichtssagenden Frauen. 

Aber dann kam etwas anderes: wieder Videos, aber die waren nicht dämlich. Im Gegenteil… die waren schlichtweg wahr. 

Es waren Videos von Holocaust- Opfern, die in die Züge verfrachtet wurden und verzweifelt und ängstlich hinausschauten. Ein schwarz weiß Video aus dieser Zeit. Ich kannte nicht die genauen Hintergründe des Videos aber es sah sehr realistisch aus. Aber selbst wenn es ein Fake- Video gewesen wäre, es war grauenhaft denn das ganze wurde mit einer dämlichen „Wir fahren in die Ferien“- Musik unterlaufen. Bilder von Holocaust- Opfern mit einer doofen, albernen Ferien- Musik ist meiner Meinung nach nicht wirklich witzig! 

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Schon einmal zuvor ist mir aufgefallen, dass dieses Thema nicht sehr brisant zu sein scheint. Zumindest wird oft sehr unsensibel mit dem Thema Zweiter Weltkrieg und Holocaust umgegangen. Natürlich nicht bei allen, oft sind es nur vereinzelte, dumme Menschen die keine Ahnung hatten von irgendwas. Nur waren diese Leute oft in meinem Alter oder sogar jünger. Die sollten doch ein bisschen weltoffener sein. Hatten die keine Großeltern? Kurz zuvor sorgte auch die “Miss Italia” für einen Skandal, da sie auf die Frage, in welcher geschichtlichen Epoche sie den gerne leben würde, die durchaus grenzwertige Antwort gab „1942, weil es damals noch richtige Männer gab“. Das war zwar skandalös aber trotzdem gewann sie die Misswahl. Gut, es ist nur Miss Italia. Keine besonders wichtige repräsentative Figur. Aber scheiße finden darf man sowas schon. Und dann noch diese bekloppten Videos auf WhatsApp. Hinzu kamen dann noch erschreckende Bilder und Nachrichten aus Deutschland von PEGIDA- Märschen und AFD- Gelabere. Ich dachte, in Italien wären doch zumindest die jüngeren Leute etwas sensibler oder hätten wenigstens ein besseres Geschichtsbewusstsein. 

Aber nein, auch hier nicht. Nicht weil sie kleine Neonazis sind, das sicher nicht. Sie sind einfach, und das ist vielleicht noch problematischer, strohdoof! 

Ende der Diskussion, Ende der scheiß WhatsApp- Gruppe und Ende mit der scheiß Gaga- Gang! 

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Zum Glück verstand mich Noemi sehr gut und Fico war, wie gesagt, schon längst raus aus der Gruppe. Selbst mit Alejandra sprach ich darüber, da es mich doch echt fertig machte. Selbst sie fand das nicht besonders witzig und sie ist in Mexiko geboren. Ein Land mit einer ganz anderen Geschichte und Kultur.

Einige Zeit später erzählte ich dies meine Schwester und Chicco. Meine Schwester meinte nur 

-„Lass es sein! Solche Leute trifft du immer wieder, egal in welchem Land. Der Großteil der Menschheit besteht halt aus Vollidioten.“ 

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Und Chicco meinte dazu: 

-„Wichtig ist, dass du es besser machst!“. 

Mach ich! 

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